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Eine afrikanische Giraffe mit ungewöhnlichem Hals in Südafrika gibt Wissenschaftlern Rätsel auf.

Giraffe am Wasserloch in der Savanne mit Safari-Jeep im Hintergrund.

Stattdessen hat eine hoch aufragende Silhouette alle wie erstarrt stehen lassen.

Zwischen den Dornbäumen hat eine Giraffe mit einem stark abgewinkelten, zickzackförmigen Hals Besucherinnen schockiert und Expertinnen wirklich ratlos gemacht. Das wirft neue Fragen auf, wie Wildtiere mit extremen körperlichen Deformationen zurechtkommen.

Eine Sichtung, die man nur einmal im Leben hat – beim Kruger

Die Giraffe ist in der Nähe vom berühmten Kruger-Nationalpark in Südafrika gesichtet worden, einem der bekanntesten Wildschutzgebiete des Kontinents. Auf den ersten Blick haben viele geglaubt, es sei eine optische Täuschung oder ein heruntergebrochener Ast. Dann hat sich das Tier bewegt.

Die Reisebloggerin Lynn Scott, die Anfang Juli in der Gegend unterwegs war, hat erkannt, dass sie etwas höchst Ungewöhnliches sieht: eine ausgewachsene Giraffe, deren Hals in scharfen, unnatürlichen Winkeln abknickt und dadurch eine deutlich zickzackartige Form bildet. Sie hat das Tier fotografiert und die Bilder später online geteilt – dort haben sie sich rasch in Wildtier-Foren und sozialen Netzwerken verbreitet.

Das ist kein leicht schiefer Hals, sondern eine dramatische Deformation – selbst aus der Entfernung klar sichtbar.

Auf den Fotos wirkt die Giraffe auffallend ruhig, mit nur wenig Bewegung vom Kopf. Genau diese Starre ist Biolog*innen aufgefallen: Sie könnte auf Schmerzen, eingeschränkte Beweglichkeit oder einen instinktiven Versuch hindeuten, eine beschädigte Wirbelsäule zu stabilisieren.

Giraffen: Wie ihre Hälse eigentlich funktionieren sollen

Um zu verstehen, wie abnormal dieser Fall ist, hilft es zu wissen, wie spezialisiert der Körper einer Giraffe ist. Diese Tiere sind um ein zentrales Merkmal herum „gebaut“: Höhe.

  • Ausgewachsene Giraffen erreichen vom Huf bis zum Kopf etwa 5,5 Meter.
  • Weibchen wiegen typischerweise 800–1.200 kg, Männchen können an die 1.800 kg herankommen.
  • Sie fressen vor allem Akazien und anderes hohes Blattwerk und nutzen dafür eine Zunge, die über 40 cm lang werden kann.

Überraschend ist: Giraffen haben genauso viele Halswirbel wie Menschen – sieben. Jeder Wirbel ist einfach viel länger und wird stark durch Muskeln und Bänder gestützt. Diese „Turmkonstruktion“ verschafft ihnen einen hervorragenden Überblick und Zugang zu Nahrung, an die kaum andere Pflanzenfresser herankommen.

Giraffen leben sozial recht flexibel: Sie ziehen in lockeren Gruppen umher, die sich von Tag zu Tag ändern können. In der Wildnis können sie bis zu 25 Jahre alt werden, in Gefangenschaft meist etwas länger. Weibchen beginnen in der Regel mit etwa fünf Jahren zu reproduzieren; nach einer 15‑monatigen Tragzeit kommt ein Kalb zur Welt, das bei der Geburt schon fast 2 Meter groß ist.

Für eine Giraffe ist ein gesunder Hals nicht nur „Optik“. Er beeinflusst Fressen, Kämpfen, Paarung und sogar das Gleichgewicht.

Halsverletzungen oder Deformationen können daher fast jeden Bereich vom Leben einer Giraffe verändern – vom Zugang zu Nahrung bis zur Position in der sozialen Rangordnung.

Die Giraffe mit dem seltsamen Hals: Was könnte dahinterstecken?

Sobald Scotts Bilder im Umlauf waren, haben Fachleute rasch Stellung genommen. Unter ihnen war Sara Ferguson von der Giraffe Conservation Foundation, die die Fotos detailliert analysiert hat. Sie vermutet, dass das Tier an einer schweren Form von Torticollis leiden könnte.

Was ist Torticollis bei einer Giraffe?

Torticollis ist ein Zustand, bei dem Halsmuskeln oder Strukturen der Wirbelsäule den Kopf in einen unnormalen Winkel zwingen. Beim Menschen spricht man manchmal vom „Schiefhals“. Bei Wildtieren kann das verschiedene Ursachen haben:

  • Infektionen, die das Rückenmark oder umliegendes Gewebe betreffen
  • Brüche oder Mikrobrüche der Halswirbel
  • Angeborene Fehlbildungen, die schon bei der Geburt vorhanden sind
  • Traumata durch Kämpfe, Stürze oder Zusammenstöße

In diesem südafrikanischen Fall deutet die extreme Zickzack-Biegung auf ein massives strukturelles Problem hin. Ohne Röntgen oder eine tierärztliche Untersuchung „hands-on“ kann niemand sicher sagen, ob die Giraffe einen verheilten Bruch hatte, ein länger bestehendes Entwicklungsproblem – oder eine Kombination aus beidem. Feldexpert*innen betonen, dass die Deformation zu den schwersten gehört, die bisher bei wildlebenden Giraffen beschrieben worden sind.

Fälle von verbogenen oder missgebildeten Giraffenhälsen sind schon dokumentiert worden – aber dieser sticht laut Spezialist*innen durch seine Heftigkeit heraus.

2015 haben Forschende zum Beispiel im Serengeti-Nationalpark in Tansania eine erwachsene männliche Giraffe mit stark deformiertem Hals dokumentiert – vermutlich nach einem heftigen Zusammenstoß mit einem Rivalen. Männliche Giraffen führen oft „Necking“-Kämpfe, bei denen sie die Köpfe wie Vorschlaghämmer schwingen, was zu Brüchen oder chronischen Schäden führen kann.

Wie beeinflusst ein deformierter Hals den Alltag?

Bei der Kruger-Giraffe ist die große Unbekannte, ob sie ausreichend gut funktionieren kann, um zu fressen, sich zu bewegen und Räubern auszuweichen. Ein Hals, der nicht nach oben gestreckt werden kann, könnte den Zugang zu höheren Blättern einschränken und das Tier zwingen, tiefer zu fressen – in Konkurrenz zu Antilopen und anderen Blattfressern. Ein steifer oder schmerzhafter Hals kann außerdem das Absuchen nach Löwen erschweren oder schnelle Reaktionen in Gefahrensituationen verlangsamen.

Lebensbereich Mögliche Auswirkung eines deformierten Halses
Fressen geringere Reichweite, langsameres Äsen, mehr Konkurrenz an tieferen Ästen
Bewegung schwierigeres Drehen vom Kopf, mögliches Ungleichgewicht, höherer Energieverbrauch
Sozialverhalten veränderte Haltung, möglicher Nachteil bei Kämpfen der Männchen oder Balzsignalen
Überleben langsamere Reaktion auf Räuber, mögliche Isolation von den Hauptgruppen

Andererseits erinnern Wildtierexpert*innen die Öffentlichkeit oft daran, wie erstaunlich widerstandsfähig Tiere sein können. Es gibt dokumentierte Fälle von hinkenden Löwen, einäugigen Leoparden und verletzten Antilopen, die jahrelang im Busch überlebt haben, indem sie Verhalten und Routen an ihre neuen Einschränkungen angepasst haben.

Ein seltenes „Natur-Experiment“ für die Wissenschaft

Für Forschende bietet diese Giraffe eine ungewöhnliche natürliche Fallstudie. Eingreifen ist nicht einfach – auch wegen der Kruger-Politik, natürliche Prozesse nur begrenzt zu beeinflussen –, aber beobachten kann man.

Wiederholte Sichtungen in den kommenden Monaten könnten zentrale Fragen beantworten: Hält die Giraffe ihr Körpergewicht? Mischt sie sich normal unter andere Tiere? Kann sie Nachwuchs großziehen oder – falls es ein Männchen ist – konkurrieren? Antworten darauf fließen direkt in breitere Forschung zur Widerstandsfähigkeit und Anpassung bei großen Säugetieren ein.

Zu beobachten, wie ein sichtbar beeinträchtigtes Tier in der Wildnis zurechtkommt, kann zeigen, wie viel Flexibilität eine Art tatsächlich hat.

Erkenntnisse aus diesem Fall könnten auch Naturschutz-Überlegungen subtil beeinflussen. Wenn schwer verletzte oder missgebildete Tiere trotzdem erfolgreich reproduzieren, könnten sie langfristig genetische Besonderheiten in kleine Populationen einbringen. Umgekehrt zeigt ihr Überleben, wie viel „Platz für Unperfektes“ die Natur hat – ein Punkt, der Entscheidungen darüber beeinflussen kann, wann man in Schutzgebieten medizinisch eingreifen sollte.

Warum solche Anomalien für den Naturschutz wichtig sind

Giraffenbestände sind in mehreren Teilen Afrikas in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen – durch Lebensraumverlust, Wilderei und Konflikte. Wenn Populationen schrumpfen oder zersplittern, trägt jedes einzelne Tier verhältnismäßig mehr genetisches Gewicht. Ungewöhnliche Fälle – egal ob genetisch bedingt oder durch Trauma verursacht – werden damit relevanter für das langfristige Überleben.

Feldwissenschafterinnen nutzen Sichtungen wie diese, um Monitoring-Methoden zu verbessern. Fotofallen, Touristinnenfotos und Ranger-Berichte lassen sich kombinieren, um markante Individuen zu verfolgen. Eine Giraffe mit einem stark abgeknickten Hals ist praktisch unmöglich zu verwechseln – ein nützlicher Marker, um Bewegungsmuster und Gruppenstruktur in der Region zu untersuchen.

Begriffe und Risiken hinter der Schlagzeile verstehen

Das Wort „Deformation“ klingt oft nach etwas Starrem – in der Biologie spiegelt es aber meist dynamische Prozesse wider. Ein Hals könnte mit einer kleinen Fehlstellung beginnen und sich dann umbauen, während Knochen heilen und Muskeln kompensieren. Mit der Zeit können neues Knochenwachstum und Narbengewebe eine schiefe Haltung „festschreiben“. Das heißt: Was Tourist*innen heute sehen, könnte das Endergebnis von Monaten oder Jahren langsamer Veränderung sein.

Aus Sicht vom Tierwohl wirft so ein Hals vor allem zwei Risiken auf: chronische Schmerzen und verminderte Fitness. Chronische Schmerzen können Verhalten verändern – Tiere werden vorsichtiger oder in manchen Fällen aggressiver. Verminderte Fitness bedeutet geringere Chancen, zu fressen, sich zu paaren oder Gefahren zu entkommen. In der Wildnis sortiert natürliche Selektion die schwersten Fälle oft aus – in Schutzgebieten können schwächere Individuen jedoch manchmal länger überleben, als sie es anderswo würden.

Was das für Menschen bedeutet, die Wildtiere beobachten

Für Safari-Besucher*innen kann eine Begegnung mit so einer Giraffe emotional aufgeladen sein. Manche empfinden Schock oder Mitleid; andere sind fasziniert von der puren Seltsamkeit. Guides in Parks wie dem Kruger nutzen solche Momente oft, um darüber zu sprechen, wie die Natur mit Verletzung und Unvollkommenheit umgeht – statt Wildtiere als makellose Postkartenmotive zu präsentieren.

Es gibt auch eine praktische Lektion übers Beobachten: Eine Touristin mit Kamera und gutem Blick hat aus einem flüchtigen, privaten Moment ein Datenstück gemacht, das Wissenschafterinnen jetzt untersuchen. Für alle, die in Wildgebiete fahren, können einfache Gewohnheiten – klare Fotos machen, Orte notieren, Daten festhalten – zufällige Sichtungen in kleine, aber wertvolle Beiträge zur Forschung über Tiere wie diese südafrikanische Giraffe mit dem seltsamen Hals verwandeln.

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