At 7:12 Uhr schaut Léa auf die kleine Zahl, die am Thermostat leuchtet: 19 °C. Sie zögert, eingewickelt in einen Wollpulli, die Hände kalt, der Kaffee wird viel zu schnell lauwarm. Am Handy meldet ihre Energie-App stolz, sie liege „im empfohlenen Bereich“. Nur ihre Zehen sind anderer Meinung. Sie dreht kurz auf 20,5 °C rauf – und dreht dann mit schlechtem Gewissen wieder runter. Die alte Regel hallt in ihrem Kopf nach: „Über 19 °C sollt ma net heizen.“
Draußen reden die Schlagzeilen von Energiesparen und explodierenden Rechnungen. Drinnen schaut ihre Realität so aus: ein Kind mit Schnupfen, ein Partner im Homeoffice – und ein Wohnzimmer, das sich mehr wie ein Durchgang anfühlt.
Also … sind 19 °C immer noch die heilige Zahl – oder nur ein Relikt aus einer anderen Zeit?
Warum die alte 19-°C-Regel nimmer zu unserem echten Alltag passt
Die berühmte Empfehlung „19 °C“ stammt aus einer ganz bestimmten Zeit: Ölkrisen, schlecht gedämmte Wohnungen und der politische Wunsch nach einer starken, einfachen Botschaft. Das hat funktioniert. Die Leut ham sich eine Zahl gemerkt und sich dran gehalten – fast wie an eine Moralregel.
Aber unser Alltag hat sich schnell verändert. Wir arbeiten öfter von daheim. Wir verbringen mehr Zeit in Innenräumen. Kinder machen Hausübung am Küchentisch, Großeltern wohnen allein in Wohnungen aus den 70ern. Eine fixe Temperatur wirkt plötzlich viel zu starr für so unterschiedliche Körper und Wohnsituationen.
Nehmen wir eine typische kleine Stadtwohnung aus den 80ern: alte Fenster, dünne Wände, Fliesenboden. Stellst du den Thermostat auf 19 °C, bekommst du … theoretisch 19 °C. Praktisch liegt das Wohnzimmer vielleicht bei 18 °C, der Gang bei 17 °C und das Bad bei 16 °C, sobald’s am Abend kühler wird.
Und jetzt stell dir dieselben 19 °C in einem Neubau vor – gut gedämmt, doppelt verglast, vielleicht sogar Fußbodenheizung. Die Luft fühlt sich weicher an, gleichmäßiger, ohne Zug. In so einer Wohnung sagen viele: „19 passt eh.“ In der ersten sagen die Leut eher: „I frier.“ Gleiche Zahl, komplett anderes Gefühl.
Expert:innen sagen mittlerweile laut, was viele längst spüren: Wir müssen weg von „one size fits all“ hin zu einem Komfortbereich. Alter, Gesundheit, Dämmung, Luftfeuchtigkeit, wie lang man sitzt … das alles ändert den Wärmebedarf. Eine empfindliche Person, die acht Stunden am Schreibtisch sitzt, braucht was anderes als ein 25-Jähriger, der im Wohnzimmer Kniebeugen macht.
Der Körper liest nicht den Thermostat – der Körper spürt Komfort.
Als politischer Slogan war die 19-°C-Regel sinnvoll. Als Alltagsempfehlung ist sie inzwischen zu grob.
Die neue Empfehlung: ein flexibler Komfortbereich
Immer mehr Bau- und Gesundheitsexpert:innen sprechen heute von einem Komfortkorridor statt von einer magischen Zahl. Die Empfehlung, die immer wieder auftaucht: ungefähr 20–21 °C in Wohnräumen und 17–18 °C im Schlafzimmer (für gesunde Erwachsene). Das klingt nicht spektakulär – aber diese zusätzlichen 1–2 Grad können enorm viel ausmachen, wenn man reglos vorm Laptop sitzt.
Energiespezialist:innen betonen trotzdem: Jedes Grad zählt auf der Rechnung. Grob gilt: Von 19 auf 20 °C kann rund 7 % mehr Heizenergie bedeuten. Die Idee ist nicht, die Heizkörper aufzudrehen bis zum Anschlag, sondern einen realistischen Bereich zu finden, in dem man nicht den ganzen Winter zittert.
Stell dir eine vierköpfige Familie in einem durchschnittlichen Einfamilienhaus am Stadtrand vor. Sie probieren diesen Winter einen flexiblen Plan: 20,5 °C im Wohnzimmer, wenn wer daheim ist, 18 °C, wenn alle weg sind oder in der Nacht, und 17–18 °C in den Schlafzimmern. Nach einer Woche passen sie noch einmal an: Oma, die schneller friert, bekommt einen kleinen Zusatz-Elektroheizer mit Timerbegrenzung im Zimmer.
Sie beobachten den Verbrauch. Die Rechnung steigt im Vergleich zur alten 19-°C-Regel ein bissl – aber der Komfort geht massiv rauf. Weniger Spannung, weniger Streit nach dem Motto „Wer hat da wieder aufgedreht?“, weniger Schnupfen, und mehr Abende, wo man wirklich gern am Sofa sitzt und liest.
Ärzt:innen und Haustechniker:innen sagen im Grunde dasselbe: Zu kalt stresst den Körper, zu warm trocknet die Luft aus und kann Atemwegsprobleme verschlimmern. Die richtige Zone ist ein Ausgleich zwischen Komfort, Gesundheit und Sparsamkeit.
Darum sprechen viele heute von „adaptivem Komfort“: Die Zieltemperatur kann sich je nach Jahreszeit, Luftfeuchtigkeit, Kleidung und Aktivität ändern. Dieselben 20 °C fühlen sich im März – nach einem langen Winter – viel wärmer an als im Oktober. Ziel ist nicht, den ganzen Tag einer exakten Zahl nachzujagen, sondern daheim ein stabiles, sanftes Klima zu schaffen, gegen das der Körper nicht dauernd „ankämpfen“ muss.
Wie du deine Heizung anpasst … ohne dass die Rechnung explodiert
Der konkreteste Tipp von Fachleuten ist überraschend einfach: Teste deine echte Wohlfühltemperatur – Raum für Raum – über mehrere Tage. Starte bei 19 °C und erhöhe im Hauptwohnraum alle 24 Stunden um 0,5 °C, bis du dir denkst: „So könnt i drei Stunden sitzen, ohne Decke.“ Bei vielen landet das irgendwo bei 20–21 °C.
Dann stell diese Werte am Thermostat bzw. an den Heizkörperventilen ein – und hör auf, alle dreißig Minuten herumzudrehen. Der Körper hasst ständige Schwankungen. Mehr Komfort hast du mit stabilen 20,5 °C als mit einem Hin-und-her zwischen 18 und 22.
Wir kennen’s alle: Du kommst völlig durchgefroren heim, drehst voll auf – und eine Stunde später hast Kopfweh, weil’s plötzlich zu warm ist. Dieses „Jojo-Heizen“ ist einer der größten stillen Geldfresser.
Und ehrlich: Kaum wer kontrolliert jeden Tag jedes Ventil einzeln. Man lebt, man hat’s eilig, man vergisst. Der Trick ist: einmal klare Temperaturzonen festlegen und dann das System arbeiten lassen. Kernbereiche bewohnt auf 20–21 °C, kühlere Räume und Schlafzimmer niedriger, Türen zu. Klingt banal – wird aber in vielen Haushalten ausgelassen.
Expert:innen empfehlen, diesen neuen Komfortbereich mit kleinen, sehr menschlichen Gewohnheiten zu kombinieren. Ein Bauphysiker hat’s in einem Interview so zusammengefasst:
„Entscheid’s euch nicht zwischen Komfort und Sparsamkeit. Entscheid’s euch für gute Gewohnheiten bei 20–21 °C statt für schlechte bei 23–24 °C.“
Praktisch gedacht hilft ein kleines „Komfort-Werkzeugkistl“ daheim:
- Dicke Socken und eine weiche Decke am Sofa für lange, ruhige Abende
- Thermovorhänge zuziehen, sobald’s dunkel wird
- Zugluftstopper unter Türen und bei alten Fenstern
- Kurz stoßlüften in der Früh (5–10 Minuten) statt den ganzen Tag gekippt
- Programmierbarer Thermostat nach deinem echten Tagesablauf – nicht nach einer idealisierten Version davon
Mit diesen Gewohnheiten fühlt sich ein Zielwert von rund 20–21 °C in Wohnräumen oft deutlich besser an als 19 °C … mit kalten Böden und Zugluft.
Eine neue Art, über Wärme daheim nachzudenken
Die Debatte „19 °C versus 20–21 °C“ geht nicht nur um Zahlen, sondern darum, was wir von unseren Wohnungen erwarten. Jahrelang war der Thermostat fast ein Tugendsymbol: Je niedriger, desto „besserer“ Mensch. Jetzt wird die Diskussion differenzierter. Energiesparen bleibt wichtig – aber Gesundheit, mentale Belastung und die einfache Freude, nach dem Duschen nicht vor dem Rausgehen zu grausen, zählen genauso.
Manche werden feststellen: In einer gut gedämmten Wohnung, mit dickem Teppich und guten Socken, passt 19 °C eh. Andere werden akzeptieren, dass ihr ehrlicher Wohlfühlpunkt näher bei 20,5 °C liegt – und gleichen das aus, indem sie besser dämmen, kürzer duschen oder selten genutzte Räume konsequent kühler halten.
Die neue Empfehlung sagt nicht „Vergiss 19 °C“, sondern: 19 °C kann eine Basis sein, aber keine Obergrenze. Du darfst auf deinen Körper hören, auf dein Alter, auf deine Wände. Du darfst sagen: „I halt mein Wohnzimmer bei 20–21 °C, aber i kümmer mi wirklich um Zugluft und Nachtabsenkung.“
Diesen Winter werden viele Haushalte still ihre eigene Regel neu verhandeln. Sie drehen ein bissl, schauen auf die Rechnung, passen Gewohnheiten an und finden ihren persönlichen Komfortbereich. Dieses Gespräch – oft halblaut vorm Thermostat – ist vielleicht eine der konkretesten Arten, wie wir grad lernen, anders mit Energie zu leben.
| Kernaussage | Detail | Nutzen für die Leser:innen |
|---|---|---|
| 19 °C ist nimmer eine Universalregel | Expert:innen sprechen heute von einem Komfortbereich je nach Alter, Gesundheit und Wohnqualität | Erlaubnis, ohne schlechtes Gewissen an den Alltag angepasst zu heizen |
| Neues Ziel: ca. 20–21 °C im Wohnbereich | Schlafzimmer können für gesunde Erwachsene oft bei 17–18 °C bleiben | Konkrete Temperaturen zum Testen – Raum für Raum |
| Stabilität schlägt Extreme | Kleine, stabile Anpassungen und gute Gewohnheiten sparen mehr als ständiges Auf/Zu | Weniger Stress, besserer Komfort und mehr Kontrolle über die Rechnung |
FAQ:
- Ist 19 °C schlecht für meine Gesundheit?
Für viele gesunde Erwachsene sind 19 °C okay – besonders in einer gut gedämmten, zugfreien Wohnung. Für Kinder, ältere Menschen oder Personen, die lange sitzen, werden oft etwas höhere Temperaturen empfohlen.- Welche Temperatur empfehlen Expert:innen heute?
Die meisten raten zu ca. 20–21 °C in den wichtigsten Wohnräumen und 17–18 °C im Schlafzimmer, angepasst an Alter, Aktivität und Dämmstandard.- Macht 1 °C wirklich einen Unterschied auf der Rechnung?
Ja. Im Schnitt kann jedes zusätzliche Grad ungefähr 7 % mehr Heizenergie bedeuten. Darum geht’s darum, die niedrigste Temperatur zu finden, bei der man sich wirklich wohlfühlt.- Soll ich die Heizung in der Nacht komplett abdrehen?
In vielen Wohnungen ist es effizienter, nachts um 2–3 °C abzusenken statt komplett auszuschalten – damit’s in der Früh keine große Aufheizphase braucht.- Wie kann ich mich wärmer fühlen, ohne den Thermostat raufzudrehen?
Fenster und Türen abdichten, Rollläden/Vorhänge nachts schließen, Teppiche auf kalten Böden, drinnen Zwiebellook anziehen und Decken in Sitzbereichen nutzen. Diese Kleinigkeiten können 20 °C deutlich gemütlicher machen.
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