Zum Inhalt springen

Ibuprofen und Paracetamol: Wie alltägliche Schmerzmittel im Zentrum einer drohenden weltweiten Gesundheitskrise stehen

Person sortiert Tabletten in einer Box auf einem Tisch mit Smartphone und Wasserglas.

Ibuprofen und Paracetamol gelten seit Langem als sichere, vertraute Mittel gegen Kopfweh, Fieber und Schmerzen. Neue Hinweise deuten jetzt darauf hin, dass diese alltäglichen Tabletten – in Kombination mit Antibiotika – eine der größten medizinischen Bedrohungen des 21. Jahrhunderts beschleunigen könnten: die Antibiotikaresistenz.

Von harmlosen Kopfweh-Tabletten zur globalen Sorge

In Frankreich kennt man sie unter Markennamen wie Doliprane und Advil. In Großbritannien und den USA greifen viele zu Tylenol, Nurofen oder zu generischem Ibuprofen und Paracetamol. Die Verpackung schaut je nach Land anders aus, aber der Reflex ist derselbe: Schmerzen, Fieber oder Grippesymptome? Zwei Tabletten einwerfen und weiter geht’s.

Diese Medikamente sind billig, vielerorts ohne Rezept erhältlich und grundsätzlich sicher, wenn man sie richtig verwendet. Dieses Sicherheitsgefühl begünstigt häufige, manchmal fast automatische Einnahme. Viele Menschen kombinieren sie bei Infektionen mit Antibiotika – in der Annahme, das seien bloß „Begleitmedikamente“, die die Krankheit erträglicher machen.

Aktuelle Arbeiten von Forschenden der University of South Australia, veröffentlicht in Nature im August 2025, legen nahe, dass diese Gewohnheit weitreichendere Folgen haben könnte als gedacht.

Gewöhnliche Schmerzmittel scheinen – zusammen mit Antibiotika eingenommen – Bakterien dabei zu helfen, „härter“ zu werden und die Behandlung zu überstehen.

Was die neue Forschung tatsächlich gefunden hat

Ein Warnsignal aus dem Labor

Das australische Team untersuchte Escherichia coli (E. coli). Dieses Bakterium lebt normalerweise im Darm, manche Stämme verursachen aber Harnwegsinfektionen, Sepsis und schwere Darminfektionen. E. coli ist ohnehin ein zentraler Problemkeim im Bereich der Antibiotikaresistenz.

Im Versuch setzten die Wissenschafter:innen E. coli zwei Dingen gleichzeitig aus: einem häufig verwendeten Antibiotikum namens Ciprofloxacin und entweder Ibuprofen oder Paracetamol. Für sich genommen töten Antibiotika Bakterien ab oder schwächen sie. Für sich genommen sollen Schmerzmittel Bakterien eigentlich kaum beeinflussen.

In Kombination passierte jedoch etwas Beunruhigendes: Die Bakterien begannen sich anzupassen und wurden widerstandsfähiger gegen Ciprofloxacin. Und damit nicht genug: Einige Stämme zeigten auch eine erhöhte Resistenz gegenüber anderen Antibiotika derselben Wirkstoffgruppe.

Mit Schmerzmitteln „im Mix“ schienen Bakterien einen Überlebensvorteil gegenüber Medikamenten zu bekommen, die sie eigentlich ausschalten sollen.

Solche Laborstudien beweisen nicht, dass jede Person, die Schmerzmittel zusammen mit Antibiotika nimmt, daheim resistente „Superkeime“ erzeugt. Aber sie zeigen deutlich: Das chemische Umfeld im Körper – geprägt durch mehrere Medikamente – kann beeinflussen, wie schnell Bakterien sich anpassen.

Warum Schmerzmittel das Spiel verändern könnten

Die genauen Mechanismen werden noch erforscht, aber mehrere Erklärungen stehen im Raum:

  • Stressreaktion in Bakterien: Nicht-antibiotische Medikamente können Bakterien in einen „Überlebensmodus“ versetzen, sodass sie DNA schneller reparieren oder Wirkstoffe effizienter aus der Zelle hinauspumpen.
  • Veränderungen an Zellmembranen: Schmerzmittel könnten die Struktur bakterieller Membranen beeinflussen, sodass weniger Antibiotikum in die Zelle gelangt.
  • Feine Effekte über die Dosierung: Wenn Schmerzmittel beeinflussen, wie der Körper Antibiotika aufnimmt oder abbaut, könnten Bakterien geringeren, weniger tödlichen Antibiotikaspiegeln ausgesetzt sein – was Resistenz begünstigt.

Egal, welcher Weg im Detail stimmt: Die Botschaft ist unangenehm. Medikamente, die nie als „Infektionsmittel“ verschrieben werden, könnten trotzdem mitbestimmen, wie eine Infektion auf die Therapie reagiert.

Antibiotikaresistenz: Eine Krise, die längst läuft

Antibiotikaresistenz ist kein fernes Theorieproblem. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass antimikrobielle Resistenz im Jahr 2019 weltweit direkt mit 1,27 Millionen Todesfällen verbunden war. Dazu zählt auch Resistenz gegen Antibiotika, die gegen häufige bakterielle Infektionen eingesetzt werden.

Ärzt:innen erleben immer öfter, dass alltägliche Erkrankungen – etwa Harnwegsinfektionen oder Komplikationen nach Operationen – schwerer zu behandeln sind. Manche Patient:innen brauchen mehrere Antibiotikakuren. Andere benötigen teure Reserveantibiotika, die oft stärkere Nebenwirkungen haben.

Ohne wirksame Antibiotika wird Routine-Medizin – vom Kaiserschnitt bis zur Chemotherapie – deutlich gefährlicher.

Wenn weit verbreitete Schmerzmittel Bakterien auch nur ein bisschen in Richtung Resistenz „anschubsen“, kann das bei Milliarden Dosen weltweit einen spürbaren Effekt haben. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, immungeschwächte Personen und Menschen mit chronischen Erkrankungen, weil sie oft komplexe Medikamentenkombinationen über lange Zeit nehmen.

Sollen wir Ibuprofen und Paracetamol nicht mehr nehmen?

Fachleute fordern kein Verbot. Ibuprofen und Paracetamol bleiben wichtig zur Schmerzlinderung und Fiebersenkung. Für viele Krebspatient:innen, postoperative Patient:innen und Menschen mit chronischen Beschwerden ist verlässliche Schmerztherapie nicht optional.

Die neue Botschaft ist subtiler: bewusst verwenden statt automatisch – und Kombinationen mit Antibiotika ernst nehmen. Ärzt:innen könnten Schmerzmittel künftig stärker als Teil des gesamten „Medikamenten-Umfelds“ berücksichtigen, wenn sie Infektionen behandeln.

Situation Derzeitige Gewohnheit Empfohlene Haltung
Leichtes Kopfweh, kurzzeitig Sofort zu Tabletten greifen Kurz innehalten, trinken, einschätzen, ob ein Mittel wirklich nötig ist
Bestätigte bakterielle Infektion unter Antibiotika Schmerzmittel regelmäßig „nebenbei“ nehmen Dauer und Art der Schmerzlinderung mit Ärzt:in besprechen
Chronische Schmerzen mit mehreren Verordnungen Mehrere Medikamente langfristig übereinanderlegen Kombinationen und Timing bei jedem Kontrolltermin überprüfen

Warum das für die Gesundheitspolitik relevant ist

Gesundheitssysteme kämpfen bereits mit steigender Antibiotikaresistenz, ausgelöst durch Fehl- und Übergebrauch von Antibiotika selbst. Jetzt verdichten sich Hinweise, dass auch eine breitere Palette üblicher Medikamente – von Antazida bis Antidepressiva, und nun auch Schmerzmittel – Bakterien beeinflussen kann.

Wenn sich solche Wechselwirkungen in klinischen Studien bestätigen, müssen Spitäler und Behörden Behandlungsleitlinien überdenken. Apothekensoftware könnte riskante Kombinationen markieren. Ärzt:innen könnten Antibiotikadosen anpassen oder andere Wirkstoffklassen wählen, wenn Patient:innen langfristig Schmerzmittel brauchen.

Schmerzmittel sind nicht mehr nur „Comfort-Medikamente“ am Rand – sie könnten aktiv mitbestimmen, wie Infektionen auf Therapie ansprechen.

Auch Public-Health-Kampagnen könnten ihre Botschaft erweitern. Nicht nur „keine Antibiotika bei Virusinfekten verlangen“, sondern auch: „Achte darauf, was du zusätzlich nimmst, wenn du Antibiotika bekommst.“

Was Patient:innen und Familien realistisch tun können

Einfache Schritte daheim

Die wenigsten lesen wissenschaftliche Papers, bevor sie eine Tablette schlucken. Trotzdem lassen sich potenzielle Risiken mit ein paar praktikablen Schritten reduzieren:

  • Alles auflisten, was du nimmst: Schmerzmittel, Erkältungsmittel, Nahrungsergänzungen und verschriebene Medikamente bei Ärzt:in oder Apotheke angeben.
  • Automatische Kombinationen vermeiden: Wenn Antibiotika verordnet sind, nachfragen, ob regelmäßiges Ibuprofen oder Paracetamol wirklich nötig ist – oder ob „bei Bedarf“ reicht (z. B. bei Fieberspitzen).
  • An empfohlene Dosierungen halten: Höhere oder häufigere Dosen beschleunigen die Genesung nicht, können aber Leber, Nieren und Magen schädigen.
  • Dauer begrenzen: Bei leichten Erkrankungen Schmerzmittel so kurz wie möglich einsetzen – bei gleichzeitig ausreichendem Wohlbefinden.

Eltern stehen unter besonderem Druck. Ein fieberndes Kind in der Nacht ist beängstigend, und der Impuls ist oft, Ibuprofen und Paracetamol im Wechsel zu geben. Kinderärzt:innen raten meist, stärker auf das Befinden des Kindes als auf die Zahl am Thermometer zu schauen und die minimale wirksame Behandlung zu verwenden.

Wichtige Begriffe, die man verstehen sollte

Antibiotikaresistenz: Wenn sich Bakterien so verändern, dass Antibiotika sie nicht mehr wirksam abtöten. Die Infektion bleibt bestehen oder kommt stärker zurück, und die Behandlungsmöglichkeiten werden weniger.

Antimikrobielle Resistenz (AMR): Ein weiterer Begriff, der nicht nur Resistenz gegen Antibiotika umfasst, sondern auch gegen Virostatika, Antimykotika und Antiparasitika.

Rezeptfreie (OTC-)Medikamente: Arzneien, die ohne Rezept erhältlich sind. Die leichte Verfügbarkeit führt oft dazu, dass Menschen ihre Wirkung auf den Körper und auf die öffentliche Gesundheit unterschätzen.

Alltägliche Szenarien vor Augen

Stell dir einen typischen Winter in einer großen Stadt vor. Viele Menschen bekommen eine Atemwegsinfektion. Manche haben nur einen Virus und bekommen trotzdem „zur Sicherheit“ Antibiotika. Gleichzeitig nehmen sie tagsüber Paracetamol gegen Fieber und Ibuprofen gegen Gliederschmerzen.

Wenn sich auch nur ein Teil der beteiligten Bakterien wegen dieses Medikamentenmixes schneller anpasst, wächst das Resistenzreservoir in der Bevölkerung. Ein Jahr später braucht die Oma von jemandem eine Operation. Sie fängt sich eine Infektion mit einem dieser „härteren“ Bakterienstämme ein. Standardantibiotika, die früher geholfen hätten, wirken plötzlich nicht mehr.

Das hat nicht eine einzelne Person verursacht. Es entsteht aus Millionen kleiner, gewöhnlicher Entscheidungen: noch eine Tablette nehmen, eine alte Antibiotikapackung „aufbrauchen“, mehrere Mittel fürs Wohlbefinden kombinieren. Darum schlagen Forschende jetzt Alarm – solange sich Politik, Verschreibungsgewohnheiten und persönliches Verhalten noch ändern lassen.

Ausblick: Linderung und langfristige Risiken ausbalancieren

Schmerzlinderung ist ein Kernstück menschlicher medizinischer Versorgung. Die Herausforderung ist nicht, Ibuprofen oder Paracetamol zu stigmatisieren, sondern sie in eine insgesamt sorgfältigere Strategie bei Infektionsbehandlungen einzubetten.

Zukünftige Studien müssen echte Patient:innen verfolgen – nicht nur Bakterien in der Petrischale – und unterschiedliche Dosierungen, Altersgruppen und Gesundheitszustände berücksichtigen. Behörden könnten danach Packungsbeipacktexte oder Leitlinien aktualisieren. Bis dahin hilft eine einfache Regel: Jedes Medikament – auch das vertraute Schmerzmittel – ist ein starkes Werkzeug und verdient einen kurzen Moment Nachdenken, bevor man es einnimmt.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen