Der Wecker läutet, du taumelst aus dem Bett – und da ist es: die zerknitterte Decke, die verdrehten Leintücher, die Polster wie müde Soldaten zurückgelassen. Manche ziehen fast automatisch alles straff, legen, stecken, glätten. Andere schnappen sich einen Kaffee, steigen über das Chaos und starten in den Tag. Kein schlechtes Gewissen, keine mentale To-do-Liste, kein „Mach ich heut Abend“. Einfach … ein ungemachtes Bett, das in der Ecke des Zimmers sein Eigenleben führt.
Jahrelang haben wir diesen Leuten eingeredet, sie seien schlampig, faul, unorganisiert. Psycholog:innen sagen inzwischen aber etwas ganz anderes – und das ist überraschend.
Dieses ungemachte Bett könnte eine seltene Art von Freiheit verbergen.
Die versteckte Persönlichkeitseigenschaft hinter einem ungemachten Bett
Beobachte ein paar Tage lang Freund:innen, Mitbewohner:innen, Kolleg:innen – und du siehst es. Da sind jene, die das Haus nicht verlassen können, ohne ein Bett wie im Hotelzimmer, und jene, die die Decke zurückwerfen und verschwinden. Das Kuriose: Die zweite Gruppe wirkt oft entspannter. Weniger Spannung in den Schultern, schnelleres Lachen, irgendwie verfügbar für spontane Pläne.
Sie leben nicht im Dreck. Ihr Bett steht einfach nicht auf der Liste der „dringenden“ Dinge. Ihre mentale Kapazität ist ganz woanders.
Nimm Léa, 32, Grafikdesignerin, ständig im Stress, weil sie die Bim erwischen muss. Ihr Bett ist nie gemacht. „Wenn ich fünf Minuten hab“, sagt sie, „gieß ich lieber meine Pflanzen oder schreib eine Idee auf, als dass ich die Decke glattzieh.“ Wenn sie abends heimkommt, taucht sie in dasselbe zerwühlte Nest und klappt den Laptop auf, um neue Konzepte zu skizzieren.
Sie ist nicht allein. Eine YouGov-Umfrage in mehreren Ländern zeigte eine klare Trennung: Bett-Macher:innen beschreiben sich öfter als „strukturiert“, während Nicht-Bett-Macher:innen eher „kreativ“ und „spontan“ ankreuzen. Wie es morgens mit den Leintüchern ausschaut, verrät am Ende, wie das Hirn Prioritäten ordnet.
Psycholog:innen sehen bei diesen „ungemachtes Bett“-Menschen eine Eigenschaft, die selten und hoch geschätzt ist: psychologische Flexibilität. Das ist die Fähigkeit, sich anzupassen, ein bissl Unordnung auszuhalten, Pläne zu ändern, ohne gleich auseinanderzufallen. Statt an Ritualen festzuklammern, stecken sie Energie dort hinein, wo’s für sie wirklich zählt: Beziehungen, Projekte, Ideen.
Aus kognitiver Sicht halten sie ein feines Gleichgewicht zwischen Routine und Freiheit. Sie akzeptieren, dass nicht alles unter Kontrolle sein muss, um sich sicher zu fühlen. Dieses Loslassen von Kontrolle – sogar bei etwas so Symbolischem wie einem Bett – sagt viel darüber aus, wie sie durchs Leben navigieren.
Warum das Bett nicht zu machen auf eine starke innere Freiheit hindeuten kann
Das ungemachte Bett ist oft die erste kleine Rebellion des Tages. Ein wortloses „Nein“ zum Perfektionsdruck, der durch soziale Netzwerke, Wohnmagazine und Produktivitäts-Podcasts sickert. Statt dem Bild vom makellosen Zimmer nachzujagen, nehmen diese Menschen – bewusst oder unbewusst – die Realität, wie sie ist: zerknittert, lebendig, in Bewegung.
Psycholog:innen sprechen von Akzeptanz von Unperfektheit. Nicht als Resignation, sondern als Muskel, der vor Angst und dauernder Selbstkritik schützt. Das Bett ungemacht zu lassen kann ein winziges tägliches Training für diesen Muskel sein.
Natürlich ist nicht jedes unordentliche Bett ein poetischer Akt innerer Befreiung. Manchmal ist’s einfach Müdigkeit, mentale Belastung, Kinder, die aus der Küche brüllen, oder der Bus, der in vier Minuten kommt. Trotzdem haben Forschende etwas Interessantes beobachtet: Wer konsequent sinnvolle Handlungen höher priorisiert als kleine Hausarbeiten, berichtet tendenziell von mehr Lebenszufriedenheit.
Eine Studie zu „wertebasiertem Verhalten“ zeigt: Menschen, die Aufgaben mit geringer Wirkung loslassen, schaffen mentalen Platz für das, was ihnen wirklich wichtig ist. Eine Sprache lernen, ein Nebenprojekt starten, eine Freundin anrufen, rausgehen – statt zum zehnten Mal die Decke neu zu falten. Dieser Tausch wirkt banal. Über Monate und Jahre formt er ein ganzes Leben.
Dazu kommt eine soziale Dimension. Menschen, die sich nicht an Äußerlichkeiten festbeißen, schaffen oft entspanntere Umfelder. Freund:innen fühlen sich weniger bewertet, Kinder weniger unter Druck, Partner:innen weniger „geprüft“ bei jeder Kleinigkeit. Das Schlafzimmer wird ein bewohnter Raum, kein Schauraum.
Seien wir ehrlich: Niemand macht das wirklich jeden einzelnen Tag. Auch jene, die auf ein ordentliches Bett schwören, lassen es an stressigen Morgen oder nach einer kurzen Nacht aus. Der Unterschied: Nicht-Bett-Macher:innen quälen sich nicht dafür. Diese emotionale Sanftheit sich selbst gegenüber ist genau die seltene Qualität, die die Psychologie mit Resilienz verbindet.
Wie du dir diese seltene Qualität zurückholst – mit oder ohne Bett machen
Wenn du ein:e überzeugte:r Bett-Macher:in bist, musst du nicht alles hinschmeißen und dein Zimmer in eine Wirbelsturmzone verwandeln. Es geht nicht darum, Chaos zu verherrlichen. Es geht darum, den Griff von kleinen, starren Regeln zu lockern, die still und leise mentale Energie absaugen.
Ein einfaches Experiment: Such dir ein Morgenritual aus, das du für „Pflicht“ hältst, und lass es diese Woche einmal absichtlich aus. Das kann das Bett sein, das blitzblanke Spülbecken oder die perfekt ausgerichteten Kissen. Beobachte, was im Körper passiert. Spürst du Schuld, Anspannung, Erleichterung? Dieser Mini-Test zeigt, wie es gerade um deine psychologische Flexibilität steht.
In die Falle tappen viele von uns: Wir verknüpfen unseren Selbstwert mit Haushaltsgesten. „Wenn mein Bett ein Chaos ist, dann bin ich ein Chaos.“ Dieser innere Satz kann hart sein. Eine sanftere Umdeutung klingt so: „Mein Bett ist ungemacht, und ich bin trotzdem ein Mensch, der lieben, denken und kreativ sein kann.“ Das eine hebt das andere nicht auf.
Wenn du dein Bett ohnehin nie machst und dafür beurteilt wirst, besteht das Gegenrisiko: es als Abwehrabzeichen zu tragen. „Ich steh über sowas.“ Du bist nicht verpflichtet, dich zu rechtfertigen oder deinen Lebensstil zum Manifest zu machen. Es geht nicht darum, einen Krieg zwischen Ordentlichkeitsmenschen und Freigeistern zu gewinnen. Es geht darum, so zu leben, dass dein Nervensystem nicht zerquetscht wird.
Psychologe Kelly G. Wilson, einer der Mitbegründer der Acceptance and Commitment Therapy, sagt gern: „Die Frage ist nie: ‚Mach ich das richtig?‘, sondern: ‚Bringt mich das, was ich tue, näher zu dem Leben, das ich will?‘“
- Frag dich jeden Morgen: „Was ist heute für mich am wichtigsten?“
- Wenn dich Bett machen beruhigt, behalt es bei – aber als Entscheidung, nicht als Pflicht.
- Wenn das Auslassen Zeit oder Kopfraum schafft, genieß das ohne Selbstattacke.
- Heb dir Disziplin für das auf, was wirklich zu deinen langfristigen Werten passt.
- Lass kleine Unperfektheiten zu, damit größere Projekte Luft bekommen.
Jenseits der Decke: Was deine Morgenroutinen leise über dich aussagen
Wenn man genauer hinschaut, geht’s eigentlich nicht um Leintücher und Polster. Es geht um die unsichtbaren Regeln, die wir aus der Kindheit, aus der Schule, aus früheren Beziehungen mittragen. „Ein guter Mensch macht das.“ „Ein seriöser Erwachsener tut das nicht.“ Diese Skripte laufen im Hintergrund – bis du eines Tages, halb schlafend, merkst, dass du die Decke nur straffziehst, um eine diffuse Angst zu beruhigen.
Wir kennen das alle: dieser Moment, wo man lieber aufräumt, statt sich einer Entscheidung zu stellen, einer schwierigen E‑Mail oder einer beängstigenden Idee. Das Bett wird zur Komfortzone, getarnt als Produktivität.
Die seltene Qualität, die Psycholog:innen hervorheben, ist gar nicht Unordnung. Es ist die Fähigkeit zu wählen, wohin du deine Fürsorge gibst. Zu sagen: „Das, ja. Das, heut nicht.“ Die Unbequemlichkeit eines unperfekten Zimmers auszuhalten, weil du woanders gerade wächst. Und auch der Mut, zu akzeptieren, dass andere urteilen könnten – und trotzdem weiterzumachen.
Es hat etwas leise Radikales, wenn du zulässt, dass dein Leben ein bissl ungemacht ist, während du zu dem wirst, der du wirklich bist. Eine zerknitterte Decke, eine halb gefaltete Wolldecke, ein Polster am Boden: kleine Zeichen, dass du vielleicht gerade eine größere Geschichte schreibst als die über deine Tagesdecke.
| Kernaussage | Detail | Wert für die Leser:in |
|---|---|---|
| Psychologische Flexibilität | Nicht-Bett-Macher:innen tolerieren Unperfektheit und Veränderung oft leichter | Hilft dir, eine mögliche Stärke hinter deinen Gewohnheiten zu erkennen |
| Energie & Prioritäten | Das Loslassen von Aufgaben mit geringer Wirkung schafft Zeit für Sinnvolles | Ermutigt dich, in Projekte, Beziehungen und Kreativität zu investieren |
| Selbstfreundlichkeit statt Regeln | Von starren „Muss“-Sätzen zu bewussten Entscheidungen: weniger innerer Druck | Reduziert Schuldgefühle und Stress, unterstützt einen ruhigeren Alltag |
FAQ:
- Ist es Faulheit, sein Bett nicht zu machen? Nicht unbedingt. Für manche ist es eine neutrale Entscheidung: Sie investieren Zeit und mentale Energie lieber in andere Prioritäten.
- Verknüpfen Psycholog:innen ein ungemachtes Bett wirklich mit positiven Eigenschaften? Sie loben nicht das Chaos an sich, sondern Eigenschaften, die oft dahinterstehen: Flexibilität, Kreativität und weniger Perfektionismus.
- Kann ich organisiert sein und trotzdem von dieser „seltenen Qualität“ profitieren? Ja. Du kannst ein ordentliches Zimmer haben und trotzdem psychologische Flexibilität üben, indem du Routinen als Wahl behandelst statt als starre Pflicht.
- Was, wenn mein:e Partner:in ein gemachtes Bett braucht? Dann ist das ein Gespräch über Bedürfnisse und Kompromisse, nicht darüber, wer recht hat. Man kann verhandeln: abwechselnde Tage, das Ritual vereinfachen oder andere gemeinsame Gesten betonen.
- Soll ich mich zwingen, aufzuhören, das Bett zu machen, um „freier“ zu sein? Nein. Es geht nicht um Rebellion um der Rebellion willen. Es geht darum, Gewohnheiten zu hinterfragen und die zu behalten, die dein Wohlbefinden und deine Werte wirklich unterstützen.
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