Die Frau im Supermarkt und das große Pilz‑Missverständnis
Die Frau im Supermarkt ist wie erstarrt vorm Obst- und Gemüseregal gestanden, ein Sackerl weiße Champignons in der Hand. Am Etikett ist „frisches Gemüse“ g’standen. Oben drüber hat a Schild „regionale Pflanzen und Grünzeug“ verkündet. Sie hat die Stirn gerunzelt, kurz gezögert, dann mit den Schultern gezuckt und die Pilze neben den Spinat in den Einkaufskorb g’legt. Die Szene hat kaum drei Sekunden dauert. Und trotzdem hat’s a leises, weit verbreitetes Missverständnis auf den Punkt bracht: Wir leben jeden Tag mit Pilzen, kochen sie, fotografieren sie, züchten sie sogar auf der Küchenarbeitsplatte – und trotzdem haben die meisten von uns keine Ahnung, was das eigentlich ist.
Sie san ka Gemüse.
Sie san ka Pflanzen.
Sie san wos ganz anderes.
Moment – Pilze san überhaupt ka Pflanzen?
Wennst aufgwachsen bist mit der Idee, Pilze wären halt irgendwie „komische Gemüse“, bist damit ned allan. Jahrzehntelang hat man sie in einen Topf g’haut mit Salat, Karotten und Gurken – brav einsortiert im „Gemüse“-Fach in unserm Kopf. Die Form hilft a ned grad: Stiel, Hut, Lamellen, die ein bissl wie Blütenblätter ausschauen. Unsere Augen packen’s ins „Pflanzen“-Kastl, ohne nachzufragen.
Dabei haben Pilze auf der Skala vom Leben auf der Erde ganz still rebelliert. Sie gehören in ihr eigenes Reich: die Pilze (Fungi).
Stell dir vor: a feuchter Septembermorgen, Wald nach’m Regen. Der Boden riecht g’schmackig, ein bissl wild. Unter den Buchen schauen winzige braune Hütchen aus dem Moos. A Kind beugt sich runter und sagt: „Schau, kleine Pflanzerl!“ Die Mutter oder der Vater verbessert vielleicht den Artnamen, warnt eventuell, dass das giftig sein könnt. Aber kaum wer korrigiert die Kategorie.
Forscher:innen schätzen, dass es wahrscheinlich zwischen 2,2 und 3,8 Millionen Pilzarten auf der Erde gibt. Beschrieben haben wir nur an kleinen Teil. Statistisch g’sehen könnt zu jedem bekannten Pilz in deiner Pfanne dutzende unbekannte Verwandte geben – versteckt unter Wurzeln, in Wänden oder in deinem Sauerteigstarter.
Warum Pilze keine Pflanzen san, is auf leise Art ziemlich radikal. Pflanzen san wie Solarzellen: Sie fangen Licht ein und machen daraus Zucker – Photosynthese. Pilze können das ned. Die essen. Die verdauen. Die bauen ab, ein bissl so wie Tiere. Auf Zellebene speichern’s Energie als Glykogen (ned als Stärke), und ihre Zellwände bestehen aus Chitin – dem gleichen Material, das Insektenpanzer so hart macht.
Wenn wir Pilze also „Gemüse“ nennen, liegen wir ned nur a bissl daneben. Wir verwechseln gleich ganze Reiche vom Leben.
Wie du lernst, Pilze so zu „sehen“, wie sie wirklich san
Es gibt a einfache Übung, die alles verändert: Beim nächsten Kochen oder beim Spazieren in der Natur bleib kurz stehen und sag dir: „Das is a Pilz, ka Pflanze.“ Mach’s, wennst an Portobello aufschneidest. Mach’s, wennst Schimmel auf einer vergessenen Brotscheibe siehst. Mach’s, wennst die blauen Adern im Käse anschaust.
Benennen hat Kraft. Sobald dein Hirn akzeptiert, dass Champignons und Co. in die Pilzwelt gehören, fallen dir Muster auf, eigenartige Verhaltensweisen, Texturen – Dinge, die eh nie so recht ins Pflanzen-Kastl gepasst haben.
Die meisten von uns treffen Pilze nur an zwei Orten: am Teller und in der Fugenmasse im Bad. Die Supermarktlogik hilft a ned. Packerl mit der Aufschrift „Wok-Gemüsemix“ mischen fröhlich Brokkoli, Karotten und Pilze, als wär das eine große Familienfeier.
Kein Wunder, dass unsere innere Landkarte vom Leben verschwimmt. Jede:r kennt diesen Moment: Du wischst Schimmel von Marmelade runter und fragst dich insgeheim, ob das jetzt Fäulnis is, Dreck oder irgendein kleines, stilles Tier. Es hat was Beruhigendes zu lernen, dass dieses graue Flaumzeug Regeln hat, a Reich und a Geschichte – und ned bloß „grausliches Zeug“ is, das aus dem Nichts auftaucht.
„Pilze san die großen Recycler vom Planeten“, erinnert der Mykologe Merlin Sheldrake gern. „Ohne sie würd die Welt unter ihrem eigenen Müll begraben werden.“
- Pilze verdauen nach außen: Sie geben Enzyme in ihre Umgebung ab und nehmen dann die gelösten Nährstoffe auf.
- Sie bilden riesige unterirdische Netzwerke namens Myzel, die Bäume und Pflanzen über versteckte Austauschsysteme verbinden.
- Viele Medikamente – von Penicillin bis zu manchen modernen Immunsuppressiva – stammen aus pilzlichen Wirkstoffen.
- Einige der beliebtesten Aromen – Sojasauce, Miso, Blauschimmelkäse – entstehen durch kontrollierte Pilzarbeit.
- Wennst Pilze als Pilze siehst, rutschen sie vom „Beilagengemüse“ zu einem zentralen Player im Lebenserhaltungssystem der Erde.
Die stille Revolution unter deinen Füßen
Sobald du akzeptierst, dass Pilze keine Pflanzen san, wirkt der Wald auf einmal fast nimmer wiedererkennbar. Das meiste passiert ned in Blättern und Ästen. Es passiert unten: in blassen Fäden, die sich durch Erde und Stein weben wie lebendige Spitze. Dieses Netzwerk, das Myzel, is der eigentliche Körper vom Pilz. Die „Pilze“, die wir sehen, san nur kurze, zerbrechliche Fruchtkörper – wie Äpfel an einem unsichtbaren Baum.
Manche Wissenschafter:innen nennen diese Netzwerke sogar das „Wood Wide Web“, weil Nährstoffe und Signale zwischen Arten fließen wie geflüsterte Nachrichten.
Das is keine Magie. Das is Logistik. A Baum, der mehr Zucker produziert als er braucht, kann einen Teil über die Wurzeln an mykorrhizale Pilze abgeben. Diese liefern im Gegenzug Mineralstoffe, Wasser und Schutz vor Krankheitserregern. Junge Keimlinge im Schatten kriegen über diese pilzlichen „Autobahnen“ Kohlenstoff von älteren Bäumen.
Hand aufs Herz: Niemand stellt sich das vor, wenn er für’s Abendessen schnell a Schachterl g’schnittene Champignons einpackt. Und trotzdem is jeder Bissen ein Geschmack von einem Organismus, dessen Verwandte Handelsrouten unter unsern Füßen managen und Wälder am Leben halten – auf Arten, die wir erst anfangen zu verstehen.
Wennst Pilze als eigenes Reich siehst, schauen auch Food-Trends auf einmal anders aus. Was, wenn der „Mushroom Burger“ ned im selben Sinn a Fleischersatz is wie ein Patty aus Erbsenprotein – sondern wos aus einem komplett anderen Ast vom Leben? Und was heißt es, dass Myzel mittlerweile verwendet wird, um lederähnliche Materialien zu züchten, Verpackungsschaum zu machen oder sogar Bausteine?
Pilze stehen an einer seltsamen Kreuzung: ned Tier, ned Pflanze – sondern Partner, Recycler, manchmal Parasiten, manchmal Retter. Ihr Reich läuft über Zerfall und Verwandlung. Unsers über Geschichten und Gewohnheiten. Dazwischen bleibt noch viel auszuhandeln.
Vielleicht is genau das die eigentliche Einladung in diesem taxonomischen Detail. Zu erkennen, dass Pilze keine Pflanzen san, stupst uns an zuzugeben, wie viel Lebendiges wir in grobe Schubladen pressen: gut/schlecht, essbar/giftig, Pflanze/Tier. Wennst diese Etiketten lockerst, hat Neugier Platz. Du schaust vielleicht genauer hin auf den Schimmel auf einer Erdbeere, den Glanz auf’m Komposthaufen, die korallenartigen Formen auf einem umg’fallenen Stamm – und siehst Prozesse statt nur Dreck.
Es geht ned drum, über Nacht Mykologie-Profi zu werden. Es geht drum, dass du dich ein bissl angenehm verunsichern lässt von der Tatsache, dass ein riesiges, uraltes Reich vom Leben deine Küche und deine Waldspaziergänge teilt. Und dass du seine Mitglieder wahrscheinlich dein ganzes Leben lang „Gemüse“ g’nannt hast.
| Kernpunkt | Detail | Nutzen für Leser:innen |
|---|---|---|
| Pilze bilden ein eigenes Reich | Sie gehören zu den Fungi, ned zu den Pflanzen – mit anderen Zellen, Stoffwechsel und Lebenszyklen | Räumt ein häufiges Missverständnis aus und vertieft Alltagsverständnis von Essen und Natur |
| Pilze san versteckte Netzwerke | Der größte Teil is Myzel im Boden oder in Substraten, ned der sichtbare Fruchtkörper | Verändert den Blick auf Wald, Garten und sogar Indoor-Schimmel – mehr Kontext, weniger Angst |
| Pilze prägen unser Leben | Sie recyceln Materie, unterstützen Pflanzen, liefern Medikamente und erzeugen wichtige Lebensmittel | Hilft, Pilze als starke Verbündete zu schätzen – ned nur als „komisches Gemüse“ im Wok |
FAQ:
- San Pilze aus Ernährungssicht „Gemüse“?
Am Teller werden sie oft zum Gemüse dazug’rechnet, biologisch san sie aber anders. Ernährungsphysiologisch san Pilze kalorienarm, enthalten Ballaststoffe, B‑Vitamine und einige Mineralstoffe und ergänzen Gemüse eher, als dass sie’s ersetzen.- Spüren Pilze Schmerz wie Tiere?
Der aktuelle Stand sagt: Pilze haben kein Nervensystem und kein Gehirn, also spüren sie Schmerz ned so wie Tiere. Sie reagieren auf Reize und verändern ihr Wachstum, das is eher vergleichbar damit, wie Pflanzen reagieren, als mit tierischem Leiden.- Warum liegen Pilze im Geschäft beim Gemüse?
Meist aus Bequemlichkeit und Gewohnheit. Es is frische, verderbliche Ware, die man ähnlich wie Gemüse verarbeitet – darum stellt der Handel’s zusammen. Das Regal sagt nix über die biologische Einordnung aus.- Is Schimmel am Essen das Gleiche wie a „Pilz“?
Schimmelpilze san auch Pilze, also im selben Reich, aber in anderen Gruppen als die typischen Speisepilze. Manche san harmlos oder werden sogar gezielt eingesetzt (z. B. bei Käse und Salami), viele Haushalts-Schimmel auf Restln san aber unsicher – dann sollte man das Essen wegschmeißen.- Kann i daheim Pilze züchten ohne Spezialausrüstung?
Ja. Viele Startersets lassen dich Seitlinge oder Champignons auf Kaffeesud, Sägespänen oder Stroh ziehen. Du brauchst an sauberen Platz, a bissl Feuchtigkeit und Geduld – kein Labor. Nimm nur verlässliche Sets und Arten, die für die Zucht gedacht san.
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